Vergessene Museen (VII): Straßenmöbelmuseum im Tegel-Center (1972–2015)

Seit den 1960er Jahren drehte sich in Architektur und Städtebau der Wind: Aufgrund damals zunehmender Abneigung gegen die Bauten der Nachkriegsmoderne brachten Konservative wie Wolf Jobst Siedler, aber auch die 68er-Bewegung ein nun plötzlich positiv gewertetes Gegenmodell ins Spiel: die damals noch verfallende oder eigentlich dem Abriss geweihte Stadt des 19. Jahrhunderts. Zu der kritischen Sicht auf die Moderne gehörte auch, dass man nun nicht nur gegen den Abriss der Altbauten ankämpfte, sondern sogar Überreste bereits abgerissener Gebäude als Sachzeugen des Verlusts demonstrativ ausstellen wollte. Eine solche Sammlung war das einigermaßen irreführend betitelte „Straßenmöbelmuseum“, eröffnet 1972. Es war eine Zusammenstellung von Überresten (Spolien) Alt-Berliner Bürgerhäuser. Sie zeigte, dass man in den 1970er-Jahren von einer Versöhnung zwischen Moderne und Historie träumte, die durch Musealisierung geleistet werden sollte: Die durch Privatinitiative zusammengetragenen Stücke wurden im Innenhof eines brutalistischen 70er-Jahre-Einkaufszentrums, des Tegel-Centers, präsentiert.

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Dort sollte der Stuckschnörkeldekor von einst vor Sichtbeton wohl die mögliche Koexistenz von Vergangenheit und Gegenwart unter Beweis stellen. Schon bald jedoch fristete das Freiluftmuseum dort als vergessener Ort, den nur noch die Angestellten der Geschäfte für die Rauchpause aufsuchten, ein klägliches Dasein. Das Tegel-Center wurde 2017 abgerissen. Die Sammlung brachte man ins Heimatmuseum Reinickendorf.

Aus unserem Buch „Eine Geschichte der Berliner Museen in 227 Häusern“, Berlin/München: Deutscher Kunstverlag, 2014, 39,90 €

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

 

 

 

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Wachtürme (I): Architekturen der Abgrenzung

In dieser Serie wird es um die bislang kaum erforschte Geschichte einer Baugattung gehen, die vor allem für das Zeitalter der Moderne, also für die Jahre von etwa 1900 bis 1970 (auch „Jahrhundert der Lager“ genannt) sehr typisch ist: Der Wachturm, wie wir ihn in Gefangenenlagern des Burenkriegs und des Ersten Weltkriegs finden, in den Konzentrationslagern der NS-Zeit, an der DDR-Grenze, in Guantanamo Bay und heute an der EU-Außengrenze. Bevor wir jedoch zum Wachturm der Moderne kommen, zunächst einige Posts zu den Jahrhunderte davor, zur Vor- und Frühgeschichte der Baugattung Wachturm.

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Antiker Wachturm von Messene, Peloponnes, Griechenland, 4. Jhd. v. Chr. Foto: Herbert Ortner, Wien, 2005 (aus wikimedia commons)

Die ersten Wachtürme sind zugleich Wehrtürme. Sie sind nach außen, nicht nach innen gerichtet. Ihr Zweck ist der Schutz eines mühsam aufgebauten, zivilisierten Raumes gegen Angriffe und Plünderung von außen, gleichsam aus der „Wildnis“. Dadurch werden sie zur Landmarke und zum Symbol der zivilisierten Welt und zugleich zum Symbol von deren Begrenztheit. Diese Ursprungssymbolik muss man im Kopf behalten, wenn man Geschichte und Bedeutung des Wachturms im 20. Jahrhundert betrachten will.

Ein frühes, bis heute erhaltenes Beispiel ist der Wachturm in der Stadtmauer der griechischen Polis Messene aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Die Wehr- und Wachturm dient hier der Überwachung der Stadtmauer. Er beeindruckt durch seine Massivität und sein geradezu mustergültig ausgeführtes Mauerwerk.

Vermutlich war dieser Turm, der nur einer von mehreren in der langen Stadtmauer von Messene war, ursprünglich holzgedeckt. Er steht im wesentlichen außerhalb der Stadtmauer, sozusagen im Angreifergebiet. Dadurch kann man von ihm die Außenseiten der Stadtmauer überwachen und abschirmen. Diese Stellung betont den Unterschied zu den meisten Wachtürmen der Moderne, die der Überwachung eines Innenraumes (z.B. eines Lagers) dienen. Der Wachturm als Zeichen der Abwehr nach außen, als Architektur der Abgrenzung ist erst in unserer jüngsten Gegenwart wieder wichtig geworden.

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

Vergessene Museen (VI): Das Museum für Gefangenenarbeiten in Berlin-Moabit (um 1930–1945)

Im Zellengefängnis Moabit, Lehrter Straße, Berlin-Moabit; Öffnungszeiten unbekannt

Bereits 1855 mussten die Gefangenen im Zellengefängnis Moabit arbeiten, teils für den internen Bedarf, teils für den Verkauf, teils auch für Firmen, die ihre Produktion ins Gefängnis verlagert hatten. Schon damals fand sich in einem der Gebäude ein Glasschrank, in dem verkäufliche Waren für Besucher ausgestellt wurden. Aus dieser Tradition wird das Museum hervorgegangen sein, dessen einstige Existenz zuerst aufgrund zweier Pressefotos aus dem Sommer 1930 nachweisbar ist. Die Aufnahmen der „Aktuellen Bilder-Centrale Georg Pahl“ zeigen laut den historischen Bildlegenden das „eigenartigste Museum Deutschlands“, in dem „Arbeiten von Strafgefangenen“, wie z.B. ein in anderthalbjähriger Arbeit hergestelltes Modell-Segelboot, gezeigt wurden. Außerdem führte man „veraltete Strafvollzugsmaßnahmen“ wie Fußfesseln aus Eisen vor. Das Museum passte ins sozialpolitische Klima der Weimarer Republik, in der alle Bevölkerungsgruppen, und das hieß in diesem Fall auch die Strafgefangenen, sichtbar etwas zum „Volkswohl“ beitragen sollten – zu ihrem eigenen Vorteil (Resozialisierung) und zum Vorteil der Gesellschaft (Schaffung wirtschaftlicher Werte). Museen galten damals als ideale Plattform, um für solche Ideen zu werben. Auch in Hamburg war 1928 ein „Gefängnismuseum“ im dortigen Untersuchungsgefängnis geplant (Bumke 1928). In einer Beschreibung von 1950 wird das Moabiter Gefängnismuseum noch einmal erwähnt, als einst in einem Schuppen im Hof untergebracht. Es sei aber im Zweiten Weltkrieg „völlig vernichtet“ worden.

Vergessene Museen (V): Das Informationszentrum Brandenburger Tor (1981–1989)

 

Pariser Platz, nördliches Torhaus des Brandenburger Tores, Berlin-Mitte; nur für offizielle Staatsbesuche der DDR zugänglich

Die Berliner Mauer war seit 1961 nicht zuletzt Berlins wichtigste Sehenswürdigkeit. Das galt vor allem für Besucher West-Berlins, die das monströse Bauwerk von zahlreichen, seit etwa 1962 errichten Plattformen bestaunten. Hinzu kamen die Dauerausstellungen zur Mauer im Amerika-Haus (seit November 1961) und Rainer Hildebrands Haus am Checkpoint Charlie (seit Oktober 1962). Der Osten hatte dieser Dauerdemonstration seiner wirtschaftlichen Unterlegenheit und moralischen Schwäche propagandistisch an der Mauer selbst nichts entgegenzusetzen. Sie wurde mit Sichtblenden dem Blick der DDR-Bürger entzogen. Nur an einer Stelle, am Brandenburger Tor, gab es auf der Ostseite seit 1962 ebenfalls eine Aussichtsplattform mit Blick auf den „antifaschistischen Schutzwall“. Diese durfte allerdings nur von offiziellen Staatsgästen, bevorzugt aus den sozialistischen Bruderstaaten, erkommen werden. Um den Bau der Mauer gegenüber den Gästen zu rechtfertigen, wurde zusätzlich im südlichen Torhaus ein Raum für Lichtbildvorträge eingerichtet. 1981 ergänzte man diesen um ein kleines Mauermuseum – „eine äußerst lehrreiche Dokumentationsschau“, wie die Neue Zeit, die Zeitung der Ost-CDU, damals anerkennend schrieb. Sie wurde im nördlichen Torhaus untergebracht. Die exklusive Propagandaschau bestand bis zum Mauerfall im November 1989.

© Katrin + Hans Georg Hiller von Gaertringen

Kleine Häuser (II): Invalidenstr. 86, Berlin-Mitte

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Kleine Häuser verschwinden aus der Berliner Innenstadt. Lediglich dreigeschossig hat ein Gebäude wie das schmutzigweiße kleine Haus, hier in der Mitte des Bildes, in einer Stadt der explodierenden Immobilienpreise keine Zukunft mehr – dazu müsste es schon besonders alt und gut erhalten sein oder aufgrund besonderer historischer Bedeutung geschützt sein. Ein Bauwerk wie dieses hingegen – heruntergewohnt, Fassade entdekoriert, Dach provisorisch – wird wohl demnächst abgerissen und durch einen höheren Neubau ersetzt werden. Zur Vorbereitung dieses Schicksals steht es leer – und das schon seit vielen Jahren. Die Eingangstreppe reicht bereits nicht mehr auf Straßenniveau herunter.

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Ein solches Haus, für das das schöne Wort „unscheinbar“ erfunden wurde, steht in der Invalidenstraße, direkt gegenüber vom Bundeswirtschaftsministerium. Wer hier einst wohnte, verraten die historischen Berliner Adressbücher: Im Adressbuch von 1883 ist das damals vielleicht 20 Jahre alte Gebäude noch unter der Hausnummer 55 zu finden und es wohnten hier hauptsächlich Eisenbahner, 40 Jahre später, 1923, dann vorwiegend Verwaltungsangestellte. Das Adressbuch von 1943 – das letzte, das online verfügbar ist – führt schließlich eine bunte Mischung auf: Labordiener, Krankenschwester, Wächter, Rohrleger, Tischler, Architekt, Pflegerin usw. – insgesamt 15 Parteien.

Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg stand das kleine Haus in einer Reihe von Mietsbauten, die vermutlich von ähnlicher Größe waren. Dann wurde zunächst 1911/12 das Gebäude links im Bild errichtet, als Zahnärztliches Institut der Universität. Der hohe weiße Nachbar rechts, zur Charité gehörig, folgte hingegen erst in den 1920er-Jahren. Das kleine Haus ist also ein Bebauungsrest, der dem Zufall, dass weder die Zahnmedizin links noch die Charité rechts sich einst bis hierhin ausdehnen wollten, sein Überleben bis heute verdankt. Auch die Tatsache, dass nur wenige Meter entfernt von 1945 bis 1990 die Grenze zu West-Berlin verlief, dürfte das Überleben des kleinen Hauses begünstigt haben. Die charakteristische DDR-Lampe über der Tür und die vergitterten Fenster legen nahe, dass das damals direkt an den Anlagen der Grenzübergangstelle Invalidenstraße gelegene kleine Haus den Grenztruppen der DDR diente. Seitdem scheinbar fast unverändert, läuft seine Zeit vermutlich bald ab.

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

Vergessene Museen (IV): Das NS-Revolutionsmuseum in Berlin

Postkarte NS-Revolutionsmuseum

Wechselnde Standorte in Berlin-Mitte. Öffnungszeiten 1936: Täglich 10–22 / 1933 Eröffnung in der Jüdenstr. 33 / 1934 Umzug in die Neue Friedrichstr. 83 / um 1936 ansässig in der Taubenstr. 7 / Mai 1938 Umzug an die Neue Promenade 2 / um 1943 kriegsbedingte Schließung

Im März 1933 verwüstete die Berliner „SA-Standarte 6“ das pazifistische Anti-Kriegs-Museum. Kurze Zeit später gründete sie selbst ein kleines, agitatorisch geprägtes Museum. Es war eine der wenigen Museumsgründungen der NS-Zeit, in der man statt auf neue Museen eher auf temporäre Propagandausstellungen wie die „Entartete Kunst“ setzte. Mit dem Namen wurde auf die nach der Oktoberrevolution gegründeten „Revolutionsmuseen“ in der Sowjetunion angespielt, denen die SA-Männer ein eigenes Museum der „nationalen Revolution“ entgegenstellten. Jedoch war der Titel doppeldeutig: Hier wurde zugleich die von der NS-Bewegung vermeintlich vereitelte kommunistische Revolution musealisiert.

Spätestens im Juli 1934, als Hitler die SA beim „Röhm-Putsch“ gewaltsam entmachtete, war die Idee einer nationalen Revolution jedoch hinfällig. Nun entwickelte sich das Museum zum bloßen Traditionskabinett der Berliner SA, wo man sich, nicht ohne Wehmut, an die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe der frühen dreißiger Jahre erinnerte. Sowohl die gewaltsame Aneignung der kommunistischen Ausstellungsstücke als auch der diffamierende Duktus der Inschriften verliehen der Ausstellung den Charakter eines Anti-Museums, das nicht nur den politischen Gegner, sondern auch die bürgerlichen Bildungsideale verhöhnte.

Ausgestellt waren einerseits eigene Memorabilien, andererseits Beutestücke aus dem Kampf mit dem politischen Gegner: Fotos, Dokumente, Uniformen, Abzeichen, Banner, Orden und Waffen. Eine prominente Siegestrophäe war der rote Stern von Mies van der Rohes 1926 errichtetem Revolutionsdenkmal auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde. Aus dem „Institut für Sexualwissenschaft“ von Magnus Hirschfeld präsentierte man dessen im Mai 1933 erbeutete Büste. Auch die Freimaurer und – gemäß dem sozialrevolutionären Gedankengut der SA – die Monarchie wurden nicht ausgespart. Ein in diesem Sinne gezeigtes Foto Kaiser Wilhelms I. mit Freimaurerschürze missfiel allerdings dem konservativen Reichswehrministerium, so dass es wieder entfernt werden musste. Als besondere Machtdemonstration wurde dem Besucher die Aneignung privater Gegenstände vorgeführt, etwa die Ohrringe der vormaligen kommunistischen Reichstagspräsidentin Clara Zetkin oder die Brille des jüdischen Berliner Polizeipräsidenten der Weimarer Zeit, Bernhard Weiß. Sowohl mehrere Ortswechsel als auch die geringen Besucherzahlen (1937: 18.000 Besucher) lassen nicht auf eine sonderlich starke Unterstützung durch die NS-Machthaber schließen. Das Schicksal der Bestände in Krieg und Nachkriegszeit ist unbekannt.

Aus unserem Buch „Eine Geschichte der Berliner Museen in 227 Häusern“, Berlin/München: Deutscher Kunstverlag, 2014

Ausführlicher in unserem Aufsatz: NS-Revolutionsmuseum statt Anti-Kriegs-Museum? Zur Entwicklung der Berliner Museumslandschaft in der NS-Zeit, in: Tanja Baensch, Kristina Kratz-Kessemeier, Dorothee Wimmer (Hg.): Museen im Nationalsozialismus. Akteure – Orte – Politik, Köln: Böhlau Verlag, S. 99–112

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

Nachtrag vom 28. Januar 2018

In der 2013 freigeschalteten Datenbank „Pressechronik 1933“ haben wir erst jetzt einen uns bislang unbekannten Artikel von damals zum NS-Revolutionsmuseum entdeckt. Hier in voller Länge wiedergegeben:

Das Revolutions-Museum der SA-Standarte 6

Im Zentrum der Stadt, unweit der Parochialkirche mit dem berühmten Glockenspiel, in der Jüdenstraße, gegenüber dem Stadthaus, hat die SA-Standarte 6 der Gruppe Berlin-Brandenburg sich eine Stätte geschaffen, in der Reliquien, die sich im Laufe der Zeit bei der Standarte angesammelt haben, ausgestellt sind. Schon von weitem leuchtet ein weißes Transpart mit der Aufschrift „Nationalsozialistisches Revolutionsmuseum“. Es ist ein langer, schmaler Laden einer ehemaligen Schokoladenhandlung. Hier hat man unter der rührigen Leitung des Standartenführers Markus das Erinnerungsmaterial zusammengetragen. Gleich am Eingang befindet sich das blumengeschmückte Bild des obersten SA-Führers Adolf Hitler; ihm gegenüber sind die heiligsten Reliquien der Standarte aufgestellt, Dokumente des Sturmführers Horst Wessel und die erste Sturmfahne Berlins, die sich im Besitz des Oberführers Richard Fiedler befindet und die er der Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. Weiter sieht man Waffen aller Art wie großkalibrige Revolver, Pistolen, Maschinenpistolen, Säbel, Schlag- und Hiebwaffen aller Art, Sprengbomben, die früher der Kommunismus im Kampf gegen die Nationalsozialisten gebraucht hat. Dann Trophäen von SA-Männern, die sie dem Reichsbanner abgenommen haben, Armbinden und Abzeichen verschiedenster Art. Auf einem besonderen Tisch liegen die verschiedensten Flugblätter und Hetzzeitschriften der ehemaligen marxistischen Parteien. Als besonders wertvolles Stück sieht man die erste kommunistische Fahne Berlins, eine reinseidene Fahne mit goldener Handmalerei, die sich noch bis vor kurzem im Besitz des ehemaligen kommunistischen Schriftstellers Ernst Friedrich befand. Von dem ehemaligen Vize-Polizeipräsidenten Weiß ist u. a. die Brille ausgestellt, die er anscheinend bei seiner Flucht auf seinem Schreibtisch hat liegen lassen. Die Ausstellung wird durch Beiträge aus allen Gauen Deutschlands ständig erweitert.

Aus der Berliner Morgenpost vom 27. Juli 1933

 

Kleine Häuser (I): Die Trinkanstalt auf der Museumsinsel

Handbuch der Architektur 1894

Heute wurde in den Kolonnaden der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel die neue Kolonnadenbar eingeweiht. Ein sehr schöner Ort, im Sommer immer Donnerstag abends von 19 bis 22 Uhr geöffnet. Heute habe ich dort etwa 20 Minuten über den historischen Vorläufer gesprochen, die „Molken- und Mineralwasser-Trinkanstalt“, die es dort von 1883 bis 1937 gab. Dazu hat Barbara Götze, Archivarin bei den Staatlichen Museen, 2001 einen gründlich recherchierten Artikel im Museumsjournal veröffentlicht (Heft 4, 2001, S. 31–33).

Der hölzerne Kiosk der „Trinkanstalt“ stand anders als die jetzige Bar nicht in der Mitte der Kolonnaden, sondern an der südwestlichen Ecke. Da es hier immerhin um das direkte Umfeld der Nationalgalerie ging, veranstaltete man 1881/82 erst einmal zwei Architekturwettbewerbe, bis der Erbauer feststand: Emil Hoffmann (nicht zu verwechseln mit dem bekannteren Ludwig Hoffmann) hatte den 3 x 5 Meter messenden Pavillon im Renaissancestil, der 1883 eröffnet wurde, entworfen. Er nannte seinen Entwurf „Sodaliske“ – gebildet aus Soda-Wasser und Odaliske. Ob dabei der Kalauer oder die feinsinnige Anspielung sein Ziel war, bleibt etwas unklar. Wollte er mit den Odalisken, den in den Dienst der türkischen Sultane gezwungenen christlichen Frauen, die die Phantasie des Bürgertums im 19. Jahrhundert entzündeten, auch auf die türkische Herkunft des Bautyps Kiosk (von türk. kösk = Gartenpavillon) verweisen?

Betreiber des Pavillons war der Berliner Kaufmann Wilhelm Balbach, der in seinem Antrag betont hatte, dass der Stand ganz züchtig eine männliche Bedienung haben werde. Mindestens bis 1907 wurden wohl nur Wasser und andere alkoholfreie Getränke ausgeschenkt.

1937 wurde die Trinkanstalt geschlossen und abgerissen.

© Katrin + Hans Georg Hiller von Gaertringen