Vergessene Museen (VI): Das Museum für Gefangenenarbeiten in Berlin-Moabit (um 1930–1945)

Im Zellengefängnis Moabit, Lehrter Straße, Berlin-Moabit; Öffnungszeiten unbekannt

Bereits 1855 mussten die Gefangenen im Zellengefängnis Moabit arbeiten, teils für den internen Bedarf, teils für den Verkauf, teils auch für Firmen, die ihre Produktion ins Gefängnis verlagert hatten. Schon damals fand sich in einem der Gebäude ein Glasschrank, in dem verkäufliche Waren für Besucher ausgestellt wurden. Aus dieser Tradition wird das Museum hervorgegangen sein, dessen einstige Existenz zuerst aufgrund zweier Pressefotos aus dem Sommer 1930 nachweisbar ist. Die Aufnahmen der „Aktuellen Bilder-Centrale Georg Pahl“ zeigen laut den historischen Bildlegenden das „eigenartigste Museum Deutschlands“, in dem „Arbeiten von Strafgefangenen“, wie z.B. ein in anderthalbjähriger Arbeit hergestelltes Modell-Segelboot, gezeigt wurden. Außerdem führte man „veraltete Strafvollzugsmaßnahmen“ wie Fußfesseln aus Eisen vor. Das Museum passte ins sozialpolitische Klima der Weimarer Republik, in der alle Bevölkerungsgruppen, und das hieß in diesem Fall auch die Strafgefangenen, sichtbar etwas zum „Volkswohl“ beitragen sollten – zu ihrem eigenen Vorteil (Resozialisierung) und zum Vorteil der Gesellschaft (Schaffung wirtschaftlicher Werte). Museen galten damals als ideale Plattform, um für solche Ideen zu werben. Auch in Hamburg war 1928 ein „Gefängnismuseum“ im dortigen Untersuchungsgefängnis geplant (Bumke 1928). In einer Beschreibung von 1950 wird das Moabiter Gefängnismuseum noch einmal erwähnt, als einst in einem Schuppen im Hof untergebracht. Es sei aber im Zweiten Weltkrieg „völlig vernichtet“ worden.

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Vergessene Museen (IV): Das NS-Revolutionsmuseum in Berlin

Postkarte NS-Revolutionsmuseum

Wechselnde Standorte in Berlin-Mitte. Öffnungszeiten 1936: Täglich 10–22 / 1933 Eröffnung in der Jüdenstr. 33 / 1934 Umzug in die Neue Friedrichstr. 83 / um 1936 ansässig in der Taubenstr. 7 / Mai 1938 Umzug an die Neue Promenade 2 / um 1943 kriegsbedingte Schließung

Im März 1933 verwüstete die Berliner „SA-Standarte 6“ das pazifistische Anti-Kriegs-Museum. Kurze Zeit später gründete sie selbst ein kleines, agitatorisch geprägtes Museum. Es war eine der wenigen Museumsgründungen der NS-Zeit, in der man statt auf neue Museen eher auf temporäre Propagandausstellungen wie die „Entartete Kunst“ setzte. Mit dem Namen wurde auf die nach der Oktoberrevolution gegründeten „Revolutionsmuseen“ in der Sowjetunion angespielt, denen die SA-Männer ein eigenes Museum der „nationalen Revolution“ entgegenstellten. Jedoch war der Titel doppeldeutig: Hier wurde zugleich die von der NS-Bewegung vermeintlich vereitelte kommunistische Revolution musealisiert.

Spätestens im Juli 1934, als Hitler die SA beim „Röhm-Putsch“ gewaltsam entmachtete, war die Idee einer nationalen Revolution jedoch hinfällig. Nun entwickelte sich das Museum zum bloßen Traditionskabinett der Berliner SA, wo man sich, nicht ohne Wehmut, an die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe der frühen dreißiger Jahre erinnerte. Sowohl die gewaltsame Aneignung der kommunistischen Ausstellungsstücke als auch der diffamierende Duktus der Inschriften verliehen der Ausstellung den Charakter eines Anti-Museums, das nicht nur den politischen Gegner, sondern auch die bürgerlichen Bildungsideale verhöhnte.

Ausgestellt waren einerseits eigene Memorabilien, andererseits Beutestücke aus dem Kampf mit dem politischen Gegner: Fotos, Dokumente, Uniformen, Abzeichen, Banner, Orden und Waffen. Eine prominente Siegestrophäe war der rote Stern von Mies van der Rohes 1926 errichtetem Revolutionsdenkmal auf dem Sozialistenfriedhof Friedrichsfelde. Aus dem „Institut für Sexualwissenschaft“ von Magnus Hirschfeld präsentierte man dessen im Mai 1933 erbeutete Büste. Auch die Freimaurer und – gemäß dem sozialrevolutionären Gedankengut der SA – die Monarchie wurden nicht ausgespart. Ein in diesem Sinne gezeigtes Foto Kaiser Wilhelms I. mit Freimaurerschürze missfiel allerdings dem konservativen Reichswehrministerium, so dass es wieder entfernt werden musste. Als besondere Machtdemonstration wurde dem Besucher die Aneignung privater Gegenstände vorgeführt, etwa die Ohrringe der vormaligen kommunistischen Reichstagspräsidentin Clara Zetkin oder die Brille des jüdischen Berliner Polizeipräsidenten der Weimarer Zeit, Bernhard Weiß. Sowohl mehrere Ortswechsel als auch die geringen Besucherzahlen (1937: 18.000 Besucher) lassen nicht auf eine sonderlich starke Unterstützung durch die NS-Machthaber schließen. Das Schicksal der Bestände in Krieg und Nachkriegszeit ist unbekannt.

Aus unserem Buch „Eine Geschichte der Berliner Museen in 227 Häusern“, Berlin/München: Deutscher Kunstverlag, 2014

Ausführlicher in unserem Aufsatz: NS-Revolutionsmuseum statt Anti-Kriegs-Museum? Zur Entwicklung der Berliner Museumslandschaft in der NS-Zeit, in: Tanja Baensch, Kristina Kratz-Kessemeier, Dorothee Wimmer (Hg.): Museen im Nationalsozialismus. Akteure – Orte – Politik, Köln: Böhlau Verlag, S. 99–112

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

Nachtrag vom 28. Januar 2018

In der 2013 freigeschalteten Datenbank „Pressechronik 1933“ haben wir erst jetzt einen uns bislang unbekannten Artikel von damals zum NS-Revolutionsmuseum entdeckt. Hier in voller Länge wiedergegeben:

Das Revolutions-Museum der SA-Standarte 6

Im Zentrum der Stadt, unweit der Parochialkirche mit dem berühmten Glockenspiel, in der Jüdenstraße, gegenüber dem Stadthaus, hat die SA-Standarte 6 der Gruppe Berlin-Brandenburg sich eine Stätte geschaffen, in der Reliquien, die sich im Laufe der Zeit bei der Standarte angesammelt haben, ausgestellt sind. Schon von weitem leuchtet ein weißes Transpart mit der Aufschrift „Nationalsozialistisches Revolutionsmuseum“. Es ist ein langer, schmaler Laden einer ehemaligen Schokoladenhandlung. Hier hat man unter der rührigen Leitung des Standartenführers Markus das Erinnerungsmaterial zusammengetragen. Gleich am Eingang befindet sich das blumengeschmückte Bild des obersten SA-Führers Adolf Hitler; ihm gegenüber sind die heiligsten Reliquien der Standarte aufgestellt, Dokumente des Sturmführers Horst Wessel und die erste Sturmfahne Berlins, die sich im Besitz des Oberführers Richard Fiedler befindet und die er der Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. Weiter sieht man Waffen aller Art wie großkalibrige Revolver, Pistolen, Maschinenpistolen, Säbel, Schlag- und Hiebwaffen aller Art, Sprengbomben, die früher der Kommunismus im Kampf gegen die Nationalsozialisten gebraucht hat. Dann Trophäen von SA-Männern, die sie dem Reichsbanner abgenommen haben, Armbinden und Abzeichen verschiedenster Art. Auf einem besonderen Tisch liegen die verschiedensten Flugblätter und Hetzzeitschriften der ehemaligen marxistischen Parteien. Als besonders wertvolles Stück sieht man die erste kommunistische Fahne Berlins, eine reinseidene Fahne mit goldener Handmalerei, die sich noch bis vor kurzem im Besitz des ehemaligen kommunistischen Schriftstellers Ernst Friedrich befand. Von dem ehemaligen Vize-Polizeipräsidenten Weiß ist u. a. die Brille ausgestellt, die er anscheinend bei seiner Flucht auf seinem Schreibtisch hat liegen lassen. Die Ausstellung wird durch Beiträge aus allen Gauen Deutschlands ständig erweitert.

Aus der Berliner Morgenpost vom 27. Juli 1933

 

Vergessene Museen (I): Das Hohenzollernmuseum in Berlin (1877–1945)

Hohenzollernmuseum Holzstich 01

Als Berlins erstes Geschichtsmuseum war das Hohenzollernmuseum weit mehr als eine Memorabiliensammlung der prominentesten Familie Preußens. Von der preußischen Gründungsphase über die Eröffnung im Kaiserreich 1877, die Neuausrichtung in Weimarer Republik und NS-Zeit, die Abwicklung in der DDR bis zur versuchten Wiederbelebung in der Gegenwart spiegelt die Historie des Museums die wechselnden Geschichtsbilder des 19. und 20. Jahrhunderts.

Hohenzollernmuseum Holzstich 02

Das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gebaute und mehrfach erweiterte Lustschloss Monbijou im gleichnamigen Park an der Oranienburger Straße stand seit dem Auszug der Ägyptischen und Vor- und Frühgeschichtlichen Sammlungen in das Neue Museum 1852 leer. Auf die persönliche Initiative des Hofbibliothekars Robert Dohme wurde hier 1868 eine Ausstellung mit „historisch-merkwürdigen Gegenständen“ aus den königlichen Schlössern präsentiert. Entscheidende Schritte zur Einrichtung eines dynastisch-kulturhistorischen Museums konnte Dohme jedoch erst bei der Auflösung der Kunstkammer im Jahr 1875 unternehmen, als deren gesamte „historische Abteilung“ ins Schloss Monbijou gebracht wurde. In einer eigentümlichen Verbindung von Schloss und Museum suggerierte das Haus dem Besucher Authentizität. In Wirklichkeit gestalteten Dohme und sein ab 1897 amtierender Nachfolger Paul Seidel die historischen Räume des 18. Jahrhunderts so um, dass der Stil eine historische Erzählung beglaubigte. Hierfür ließen sie beispielsweise einen Ofen aus Schloss Rheinsberg einbauen oder Epochenräume in der Manier des 16. Jahrhunderts einrichten. Dadurch ergab sich eine von der Gegenwart bis in das 16. Jahrhundert zurückreichende Darstellung des höfischen Lebens, die räumlich einzelnen Familienmitgliedern der Hohenzollern zugeordnet war. Um zu betonen, dass die Monarchie die nach wie vor gültige Regierungsform war, begann die Ausstellung mit den Räumen über den aktuellen Kaiser, Wilhelm I., später über seinen Nachfolger, Wilhelm II. Die weiteren Räume folgten der umgekehrten Chronologie und legitimierten so das genealogische Prinzip: Der gegenwärtige Monarch als Glied einer langen Kette, die bei den Kurfürsten des 16. Jahrhunderts begann.

GR Grieben 1904

Die einzelnen Räume zeigten persönliche Gegenstände wie Kleidung, Schmuck, Orden oder Waffen. Hinzu kamen Möbel aus den jeweiligen Wohnräumen, Porzellan oder Schriftstücke. Entscheidendes Kriterium bei der Auswahl war stets die Verbindung zur jeweiligen Persönlichkeit, selbst Gebrauchsgegenstände wie der Kamm der Königin Luise waren deshalb als Erinnerungsstücke ausstellungswürdig. Die Verbindung von Objekt und einstigem Besitzer wertete beide gleichermaßen auf: Die Aura des Herrschers strahlte auf die Gegenstände wie die Aura der Gegenstände auf den Herrscher. Besonderer Wert wurde auf die bildliche Vergegenwärtigung der Hohenzollern gelegt, sei es in Form von Porträts, Wachspuppen oder Totenmasken. Auch wenn das Museum offensichtlich der Verherrlichung des regierenden Hauses diente, war die Sammlung zugleich voll von gesellschaftsgeschichtlichen Zeugnissen ersten Ranges. Das Museum erwies sich von Beginn an als Publikumsmagnet und gehörte zum festen touristischen Programm beim Besuch der Reichshauptstadt – auch für ausländische Besucher.

Als der Kaiser 1918 abdankte, wurde das Museum für neun Jahre geschlossen. In dem bis 1926 laufenden Eigentumsstreit mit dem preußischen Staat behielt das Haus Hohenzollern schließlich seinen Einfluss im Schloss Monbijou. Die Weimarer Republik durfte die als Privatbesitz deklarierten Exponate weiterhin nur im Rahmen des Hohenzollernmuseums zeigen. Infolgedessen konnte in der 1927 neu eröffneten Ausstellung keine kritische Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Herrscherhaus stattfinden. Immerhin bestand der neue Direktor Arnold Hildebrand auf einer sachlicheren Darstellung. Dazu reduzierte er die Sammlung auf „künstlerisch und historisch wichtiges Gut“ und musterte „Belanglosigkeiten oder Sentimentalitäten“ aus. Der Fokus verschob sich von der Huldigung an das Herrscherhaus zur Präsentation des Kunstbesitzes und der kunstgewerblichen Arbeiten.

1935 wollte das Preußische Kultusministerium die Sammlungen in ein neues „Preußen-Museum“ integrieren. Statt der einseitigen Beschränkung auf die höfische Welt sollte diese in eine umfassendere, das Bürgertum einschließende, preußische Kulturgeschichte eingeordnet werden. Hitler lehnte den Plan ab, gemäß seiner Vorstellung von der „Volksgemeinschaft“ als alleinigem Kulturträger plante er auf dem Gelände des Monbijouparks kein preußisches, sondern ein „Germanisches Museum“. Das Hohenzollernmuseum sollte mitsamt seinem Gebäude in den Park Charlottenburg umgesetzt werden, was einer Verbannung aus dem Museumszentrum und symbolischen Abwertung gleichgekommen wäre. Dieser Plan wurde aufgrund des 2. Weltkriegs nicht verwirklicht.

Die DDR hatte aufgrund ihres monarchiefeindlichen Gesellschaftsbildes, das die Arbeiterklasse ins Zentrum stellte, kein Interesse daran, das im Krieg schwer beschädigte Gebäude wiederaufzubauen und die auf verschiedene Auslagerungsorte verteilte Sammlung zurückzubringen. Soweit die Bestände den Krieg überstanden hatten, wurden sie nach historischen und künstlerischen Objekten unterteilt: Erstere erhielt das 1953 eröffnete Museum für Deutsche Geschichte, letztere das Kunstgewerbemuseum in Köpenick und die Schlösserverwaltung. Die Sammlungsstücke, die 1945 von den Westalliierten sichergestellt wurden, gelangten auf die familieneigene Burg Hohenzollern in Württemberg. Die Ruine von Schloss Monbijou wurde 1958 abgerissen.

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Um 2004 plante die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in Zusammenarbeit mit den Staatlichen Museen, dem Deutschen Historischen Museum und, als wichtigstem Leihgeber, der Familie Hohenzollern eine Wiederbelebung des Museums im Schloss Charlottenburg. Der gegenwärtige Planungsstand bezüglich dieses Projekts war nicht in Erfahrung zu bringen. Ob eine unideologische Betrachtung der Hohenzollern gelingen kann, wenn die Leihgaben ausschließlich von der Familie bereit gestellt werden, deren Geschichte dargestellt wird, ist fraglich.

© Katrin + Hans Georg Hiller von Gaertringen