Ecken und Kanten – Das expressionistische Haus Buchthal in Berlin-Westend von 1923

Fassade 1923

Die Bauaufgabe

Ein repräsentatives Wohnhaus für ein Ehepaar mit drei Kindern. Ungewöhnlich insofern, als in jener Zeit der wirtschaftlichen Krise, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in Berlin kaum Villen errichtet wurden. Noch ungewöhnlicher war jedoch die Form, die die Architekten – die Brüder Hans und Wassili Luckhardt sowie Franz Hoffmann – für den Bau des prominenten Eckgrundstücks an der Lindenallee 22 / Halmstraße 13-14 im vornehmen Villenvorort Berlin-Westend entwarfen. Aus dem Grundmotiv des Quadrats mit stumpfen Ecken wurde der Grundriss entwickelt. Zwei in rechtem Winkel zueinander stehende, nach Süden und Westen ausgerichtete Flügel treffen sich in einem repräsentativen, hoch aufragenden, um 45° abgeknickten Mittelbau mit breiten Wandpfeilern, die einen gezackten Doppelgiebel tragen. Darunter befindet sich ein auffallend großes Fenster, nicht aber der Eingang, der erstaunlich unauffällig rechts davon angeordnet wurde. Der Mittelbau, das zentrale Motiv dieser Architektur, erinnert nicht an den formalen Kanon eines Einfamilienhauses; eher scheint er auf den repräsentativen Sitz eines Unternehmens oder auf ein sakral oder kulturell genutztes Gebäude zu deuten und bietet eine außergewöhnlich prominente Ausrichtung zur davor liegenden Straßenkreuzung. Was Julius Posener über Mendelsohns gleichzeitig errichtetes Wohnhaus am Karolinger Platz schrieb, gilt auch hier: „Der Ausdruck des Wohnlichen tritt hinter Erwägungen der Form zurück. […] Das Thema Einfamilienhaus ist dabei gleichgültig geworden.“ Höchst ungewöhnlich – wie ein farbiger, durchsichtiger Kristall – muss das eingeschossige Haus mit seiner rhythmischen Fassade, dem zentralen Fenster und den plastisch modellierten Laibungen gewirkt haben.

Die Auftraggeber

Eugen (1878–1954) und Thea Buchthal, geb. Wolff (1888–1969) waren im Jahr 1922, bei Baubeginn, 44 und 34 Jahre alt. Er arbeitete in leitender Position im sog. Konfektionsviertel am Hausvogteiplatz bei „Seeler & Cohn“, einem Hersteller von Damenoberbekleidung. Zuvor hatte das kunstsinnige jüdische Ehepaar ganz in der Nähe, in einem großbürgerlich-repräsentativen Mehrfamilienhaus aus der späten Kaiserzeit gewohnt (Bayernallee 48). 1909 war der älteste Sohn, Hugo, geboren worden, 1913 folgte die Tochter Annegerda. Als Thea Buchthal 1922 zum dritten Mal schwanger wurde, fiel vermutlich die Entscheidung für den Hausbau. Hugo Buchthal berichtete, dass seine Eltern zunächst erwogen, Mies van der Rohe oder Erich Mendelsohn zu beauftragen. Die Wahl fiel jedoch schließlich auf die Brüder Wassili und Hans Luckhardt und Franz Hoffmann, die seit 1921 ein gemeinsames Büro betrieben, aber bis dahin noch nichts gebaut hatten. Wie sich Wassili Luckhardt 1972 erinnerte, waren die Buchthals durch den Besuch einer Ausstellung des „Arbeitsrats für Kunst“ im Mai 1920 bei J.B. Neumann am Kurfürstendamm auf die Architekten aufmerksam geworden. In der Ausstellung hatte Wassili Luckhardt kristalline Architekturphantasien präsentiert, ähnlich dem mystischen Symbolismus, den Bruno Taut und die „Gläserne Kette“ in diesen Jahren verfolgte. Neben avantgardistischen Entwürfen wie einem monumentalen Denkmal der Arbeit („An die Freude“) war dort auch das Modell eines Landhauses zu sehen, das mit seinen gotisch-expressionistischen Formen, dem gekrümmten Grundriss und den spitzen Fenstern in tiefen Nischen dem Ehepaar eine Idee davon gab, welch außergewöhnliche Lösung sie zu erwarten hätten, wenn sie die beiden distinguierten Brüder beauftragten.

Der Grundriss

Das 2.240 Quadratmeter große Grundstück in Westend war eine „sterile Sandparzelle ohne Vegetation und ohne Charakter“, wie der hinzugezogene Gartenarchitekt Erik Pepinski vermerkte. Auf die Auftraggeber wird eine Grundsatzentscheidung zurückgegangen sein: Der Garten sollte groß, zusammenhängend und von der Straße aus möglichst wenig einsehbar sein. Dementsprechend schirmt der gewählte Grundriss den Garten und die quadratische Terrasse ab wie eine Mauer. Die zeittypische, lebensreformerische Liebe zum Garten (oder allgemeiner: zur frischen Luft), wird daran deutlich, dass das Obergeschoss als ebenfalls von der Straße aus nicht sichtbare, äußerst großzügig dimensionierte Dachterrasse mit Pergolen und drei pavillonartigen Aufbauten ausgebildet wurde. Noch in einem weiteren Punkt bestimmte der Garten den Grundriss mit. Der den rechten Flügel abschließende, spitz zulaufende Wintergarten sorgte durch seine monumentalen Atelierfenster dafür, dass der Garten auch im Inneren eine große Präsenz besaß. Allerdings stand an anderer Stelle der eigenwillige Grundriss dem geraden Ausblick im Weg: In der Achse des nördlichen Flügels stehend, blickte man auf die Wandspitze und musste den Kopf nach links oder rechts drehen, um aus den Fenstern zu sehen. Das Familienleben mit großzügigem Ess- und Wohnzimmer ordneten die Architekten in diesem rechten Flügel an, der nach Westen ausgerichtet ist und am Nachmittag und frühen Abend im Licht der Sonne liegt. Die großbürgerlichen Lebensverhältnisse werden deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass parallel zu dieser Raumfolge nördlich drei Räume für Zubereitung und Anrichtung des Essens durch eine Köchin angeordnet wurden. Im linken Flügel – mit Sonne am Morgen – lagen die Schlafzimmer der Familie und des Kindermädchens für den Jüngsten, Wilfried. Beide Sphären wurden durch das Scharnier der Diele – mit dem einzigen (!) Zugang zur großen Gartenterrasse – verbunden. Von hier gelangte man auch in das Musikzimmer, das hinter dem großen, von der Straße so dominanten Fenster lag. Der Wunsch, der Musik den zentralen Platz im Haus einzuräumen, bedingte die Entscheidung, den Hauseingang sehr unauffällig, fast behelfsmäßig am Beginn des rechten Flügels anzuordnen.

Die Ausstattung

Das Musikzimmer war der unbestreitbare Höhepunkt dieses Raumkunstwerks des Expressionismus. Der Blick fiel von der Diele aus durch eine Pfeilerstellung mit prismatisch-gebrochenen Kapitellen, die der Bildhauer Oswald Herzog geschaffen hatte, auf das große Fenster, den draußen stehenden Brunnen, einen weiteren kleineren Brunnen an der linken Wand (wohl ebenfalls von Herzog entworfen) und auf die von den Architekten gestalteten Möbel „aus Polysander [Palisander?] mit violetten Bezügen“ (Bauwelt) sowie auf ein Klavier. Auch farblich wurden hier alle Register gezogen: „Im Musikzimmer und der Diele sind Decken und Wände leuchtend gelb, an den Pfeilern leicht nach Grün abgestuft, Möbel und Sockel sind tief grün, der Fußboden ebenholzschwarz“, schrieb die Bauwelt. Die nicht zuletzt von Bruno Taut ins Leben gerufene Bewegung hin zum farbigen Bauen war auf ihrem Höhepunkt. Auch in den anderen Räumen dominierten starke, kontrastreiche Farben, die in ihrer Abfolge von der Auseinandersetzung der Luckhardts mit der Farbenlehre zeugen. Das zweite raumkünstIerisch herausgehobene Zimmer war der Wintergarten mit einer kubistischen Plastik von Oswald Herzog und expressionistisch gestalteten Vorhängen des Künstlers Moriz Melzer – dessen Wahl zeigt, wie die Buchthals auf die beteiligten Künstler stießen: Auch er war 1918 bei J.B. Neumann gezeigt worden. Schließlich war in den Räumen die hochkarätige Kunstsammlung der Familie zu finden. Zu dem Gemälde von Feininger waren im Laufe der 1920er-Jahre weitere expressionistische Gemälde hinzugekommen: Neben Gemälden der einstigen „Brücke“-Künstler Erich Heckel, Otto Mueller, Emil Nolde und Max Pechstein besaßen die Buchthals ein Bild von Christian Rohlfs, eine kleine Bronze von Wilhelm Lehmbruck sowie eine Bronzebüste der Hausherrin von Herbert Garbe. Das Zusammenspiel aus farbigen Räumen, bunten Gemälden und expressiven Formen war sicherlich ebenso anregend wie anstrengend.

Der Garten

Der Charakter eines expressionistischen Gesamtkunstwerks fand seinen Abschluss und Höhepunkt im Garten – der letzte Beweis dafür, dass die Auftraggeber nicht Opfer einer Luckhardt’schen Laune wurden, sondern sich das gesamte Ensemble als konsequente Umsetzung expressionistischer Formvorstellungen wünschten. Der Gartenarchitekt Eryk (Erich) Pepinski befolgte hier seinen Leitsatz, Gärten stets am Grundriss und der Formensprache des jeweiligen Hauses auszurichten: War sein gleichzeitig geschaffener Garten für Heinrich Straumers Haus van Heteren in Nikolassee dementsprechend rechteckig-geometrisch, so ließ er im Buchthal’schen Garten expressiv-gezackte Formen regieren. Auch wenn die beiden erhaltenen, in vielen Details voneinander abweichenden Skizzen Pepinskis insofern irreführend sind, weil auf beiden das Haus nicht am Rand, sondern inmitten des Grundstücks steht, wird dennoch deutlich, dass er das bewusst irritierende Luckhardt’sche Prinzip, Achsen vor Spitzen enden zu lassen, konsequent im Garten weiterführte: Die Hauptachse mit einer wie ein Ahornblatt gezackten Rasenfläche liegt zwischen der Spitze des Wintergartens und einem ebenfalls spitz zulaufenden Gartenpavillon. Die exzentrische Umrisslinie sollte zunächst durch niedrige Büsche betont werden (was nicht umgesetzt wurde) und dahinter von „charaktervollen Staudenblühern“ umgeben werden. Dass die Auftraggeber bei allem Experiment auch nach Elementen konventioneller Schönheit und Annehmlichkeit verlangten, zeigt die Tatsache, dass vor den Schlafzimmern ein Rosengarten angelegt und – zumindest in einer der beiden Varianten – auch ein Tennisplatz vorgesehen war. Insgesamt setzte sich im Garten das farbig-bewegte Formenspiel des Inneren fort.

Die Rezeption

Die zeitgenössische Rezeption war verhalten. Die „Bauwelt“ beschränkte sich 1924 auf eine urteilsfreie Beschreibung. Der einflussreiche Publizist und Architekt Heinrich de Fries nahm das Haus in sein im selben Jahr erschienenes Überblickswerk zum Villenbau auf. Er lobte die enge Verbindung des Hauses zur Dachterrasse und zum Garten, bezeichnete jedoch Grundriss und Ecklösungen als „diskutabel“. Schärfer fiel das Urteil des anderen Architekturpapsts der Weimarer Zeit, Adolf Behne, aus, der zu jener Zeit bereits die „Neue Sachlichkeit“ propagierte: Architektur müsse „rationell, bis zur Kälte einer Hundeschnauze“ sein. So diente ihm das Haus Buchthal bereits 1923 in einer „Chronik der deutschen Baukunst seit Kriegsende“ für das „Bouwkundig weekblad“ als formalistisches Negativbeispiel. Neben den Ecken und Spitzen des Hauses wurde auch die repräsentative Schauseite für eine Zeit zum Problem, in der etwa der Publizist Walther Müller-Wulckow vom Einfamilienhaus „das Fehlen einer Fassade in dem bisherigen Sinn“, die Orientierung am „Bewohner“ und nicht mehr am „Betrachter auf der Straße“ forderte. Auch die Luckhardts selbst verleugneten in späteren Werkverzeichnissen das Haus Buchthal. Freundlicher wurde es erst beurteilt, als die Moderne in den 1970er-Jahren in die Krise rutschte und der Expressionismus als historische Alternative dementsprechend – allen voran durch Wolfgang Pehnt – aufgewertet wurde. In diesem Sinne feierte noch jüngst Hans Kollhoff die expressionistische Architektur als letzten Vertreter einer künstlerischen, handwerklich fundierten und – man höre und staune – anti-kapitalistischen Baukunst.

Ohne Titel

Der Umbau 1929      

Nicht nur die Architekturkritiker, sondern auch die Bewohner waren mit dem Haus offenbar unzufrieden. Nach nur sechs Jahren, in denen die Buchthals ihre Bedürfnisse in der alltäglichen Auseinandersetzung mit dem Haus überprüft hatten, beschlossen sie am Ende der 1920er-Jahre, das Gebäude radikal umbauen zu lassen. Der Ausbau des oberen Geschosses, eine Neukonfiguration des Grundrisses und eine schlichte neue Fassade waren die Folge. Bezeichnenderweise griffen sie dabei nicht auf die ursprünglichen Architekten, deren nun gepflegten kubisch-weißen Stil der Umbau durchaus entsprach, zurück. Stattdessen wählten sie einen anderen Avantgarde-Architekten der Zeit, Ernst Ludwig Freud, Sohn Sigmund Freuds. Die Motivation bzw. der Leidensdruck müssen angesichts des ungewöhnlichen Vorgangs – ein Umbau trotz gleichbleibender Funktion und Bewohnerschaft nach so kurzer Zeit – vielfältig gewesen sein. Eine Quelle zur Erklärung ist der Vergleich von vorher und nachher, der offenlegt, wo man die Schwachstellen gesehen hatte, ein anderer die späteren Hinweise des ältesten Sohnes. Dieser verwies darauf, dass sich „die Innendisposition der Räume, ihre vielfältigen Nischen, Kanten und Ecken sowie das von den Luckhardts entworfene Mobiliar […] im täglichen Gebrauch als […] hinderlich erwiesen“ hätten und „daß der radikal expressionistische Bau auf Passanten […] verschreckend wirkte“. Doch weist der durchgeführte Umbau darauf hin, dass ein weiterer Aspekt eine zentrale Rolle spielte: das gestiegene Raumbedürfnis. Die drei Kinder der Buchthals waren im Jahr des Umbaus 20, 16 und 6 Jahre alt. Für die beiden Jüngeren wurden im Obergeschoss zwei großzügige, lichtdurchflutete Räume hinzugefügt, die schönsten im ganzen Haus. Die Dachterrasse wurde zum Garten hin erweitert, so dass darunter im Erdgeschoss zwei sonnengeschützte Terrassen entstehen konnten. Der bislang zentrale Raum des Hauses, das Musikzimmer, wurde dem Wunsch geopfert, den Eingang repräsentativ in die Mitte verlegen zu können. Der dadurch geschaffene fensterlose Windfang war jedoch eine unglückliche Lösung – wer das Haus betrat, stand nun vor einer Wand und musste über den Umweg des rechts gelegenen Treppenhauses in die Wohnräume gehen. Die Rolle, die Musik im Buchthal’schen Haushalt spielte, wurde mit der Beseitigung des Musikzimmers nicht gemindert, im Gegenteil: Die Raumfolge im rechten Flügel verwandelte Freud in einen fast saalartigen Raum, in dem nun nicht mehr nur die Familie musizieren konnte. Für das Jahr 1932 ist beispielsweise ein öffentliches Konzert mit Schönberg-Schülern nachweisbar. Der Wintergarten wurde dafür in die Mitte, am Zugang zur Terrasse, verlegt und die Spitze zugunsten eines dreifenstrigen Abschlusses abgebrochen. Vielleicht hatten die Atelierfenster das Esszimmer zu sehr aufgeheizt, vielleicht wollte man auch nur geradeaus in den Garten sehen können. Schließlich wurde auch der linke Trakt verändert, beide Eltern hatten mehr Platz – und Thea Buchthal nun ein großzügiges Ankleidezimmer. Die neue Fassade verriet bei aller demonstrativen Schlicht-, ja Kahlheit, deutlich den Umbau, da die Fensteröffnungen nicht sehr gut mit den Proportionen der Wandflächen harmonierten. In dieser Hinsicht erinnert das Haus an eine andere Umbauwelle jener Zeit, die Entstuckung und Glättung der Gründerzeitfassaden, die ähnlich hybride Architekturen hervorgebracht hat.

Das Weiterleben

Bereits 1933 emigrierte der Sohn Hugo nach London. Der Rest der Familie folgte bis 1938. Das Haus wurde 1936 zu einem fairen Preis an den Krupp-Generaldirektor Bruno Bruhn verkauft. Die Eltern und der jüngste Sohn wohnten noch zwei Jahre im Obergeschoss. Die Kunstsammlung mussten sie verkaufen. Nachdem Dietrich Fischer-Dieskau in der Nachkriegszeit zunächst nur einzelne Räume gemietet hatte, während im Obergeschoss beispielsweise der spätere Fernseh-Kommissar Erik Ode wohnte, erwarb der Sänger schließlich das ganze Haus. Er ließ oberhalb der 1924 eingebauten Buchthal’schen Garage einen Raum hinzufügen, den er bei seinen Soireen, bei denen mit der Stereoanlage neueste Einspielungen vorgestellt wurden, für die Bewirtung der Gäste nutzte. Nachdem Fischer-Dieskau 2012 starb, wurde das Haus von den Erben verkauft und jüngst von Lenzwerk / Ursula Seeba-Hannan renoviert, wobei behutsam die verdeckten Spuren der Baugeschichte hervorgeholt wurden. Der Bau erinnert nun wieder an seine expressionistischen Wurzeln ohne die später hinzugekommene Neue Sachlichkeit zu verleugnen.

Aus dem Ausst.-Kat. „Ein Kristall, verborgen in neuer Sachlichkeit: die Entdeckung und Sanierung von Haus Buchthal in Berlin“, Galerie AEDES, Berlin 2016

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Ost-Moderne auf Meissener Porzellan

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Ein in traditioneller Blaumalerei ausgeführter Wandteller. Nicht irgendein Teller, sondern mit den Schwertern der Meissener Manufaktur auf der Unterseite. Aber hier keine „Blaue Blume mit Insekten“, kein „Zwiebelmuster“. Stattdessen: Architekturmotive aus – lt. doppelter Umschrift – „BERLIN. HAUPTSTADT DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK“. Auch Meissen lag in der DDR.

11 Gebäude formen einen porzellanweiß umstrahlten blauen Kreis. Steht ein Kreis nicht für Vollendung? In der Tat: West-Berlin gibt es hier nicht.Die Mitte der Bautenkugel gehört drei Symbolgebäuden der historischen Mitte: Hedwigskathedrale, Neue Wache und Bode-Museum. Warum hat die Marienkirche auf Meissener Porzellan nur drei Kapellenanbauten mit dem charakteristischen Stufengiebel, in der Wirklichkeit jedoch eindeutig vier dieser kleinen Anbauten? Sympathische Nachlässigkeit der Porzellanmaler*in?

Rechts von der Marienkirche geht es realitätsgetreuer weiter: die Alte Nationalgalerie, die Fahne der Republik weht über dem Brandenburger Tor, die Staatsoper erstrahlt im Glanz des DDR-Wiederaufbaus. Soweit so klassisch. Nun jedoch kommt die Ost-Moderne stolz zum Zug: Zuerst ein noch ziemlich klotziger Block, erstmal gar nicht so einfach zu identifizieren. Mit einiger Sucherei und der Erinnerung an das heute hinter dem Kino International stehende Rathaus Mitte findet sich die Lösung: das an eben jener Stelle 1963 gebaute „Hotel Berolina“, das nach seinem Abriss 1996 durch das vage ähnliche Rathaus ersetzt wurde. Auf dem Teller folgen nun die Kongresshalle am Alexanderplatz und das Haus des Lehrers von Hermann Henselmann, beide zur selben Zeit, 1961 bis 1964, gebaut. Dann wieder ein bereits verschwundener Bau – die Deutsche Sporthalle an der Stalinallee von 1951, abgerissen wegen Baumängeln schon 1972.

Eine genauere Datierung des Tellers lässt sich aus drei Indizien herleiten: 1. Die Bezeichnung „Berlin, Hauptstadt der DDR“ wurde wohl erst ab 1969 verwendet. 2. Die Deutsche Sporthalle hätte man nach ihrem Abriss vermutlich nicht mehr dargestellt. 3. Der Fernsehturm wurde erst im Herbst 1969 eingeweiht, fehlt hier aber. Das kann aber auch formale Gründe haben, denn wie hätte man den aufragenden Strich hier unterbringen sollen? Wie dem auch sei: Der wunderbare Teller könnte gut im Sommer ’69 bemalt worden sein.

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

Kleine Häuser (III): Torstr. 74, Berlin-Mitte

Ein besonderes kleines Haus in der verkehrsdurchfluteten Torstraße. Zwischen zwei Mietshäusern ist gelb gestrichener Klinker eingezwängt, mit viel Luft nach oben. Zwei Garagenrolltore, eine Tür und ein vergittertes Fenster sowie ein gerahmtes Fensterband im oberen Teil der Fassade.

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Ein kleines bisschen 20er-Jahre-Moderne wie es scheint, und das in einer Gründerzeitstraße, die in dieser Hinsicht sehr wenig zu bieten hat. Die Buchstaben „KOD“ rot auf gelb zwischen den Fenstern lasen sich einst komplett als „ŠKODA“, S und A sind überstrichen, das Logo drüber noch da.

Die Adresse „Torstraße 74“ bringt auf Google vorwiegend Einträge zum heutigen Nutzer, dem Modeladen „No74“, hervor. Auch ein paar zum „Adidas-Conceptstore“, der hier wohl um 2010 mal war. Zur Geschichte des kleinen Hauses: erst einmal nichts. Dann aber in einem offenbar seit Urzeiten nicht mehr aktualisierten Online-Branchenbuch auch ein Eintrag jener Autowerkstatt, die hier beheimatet war, bevor die Hipsterversorger einzogen: „Detlef Horstmann, Kfz-Werkstatt, Neuwagenhändler“.

Auf der Basis des Namens Horstmann kann man sich dann doch so einiges über das kleine Haus erschließen. 1940 steht die Familie hier erstmals im Branchenbuch:

Branchentelefonbuch 1941 S 398

Die Straße heißt damals noch Lothringer Straße. Schließlich wurde sie bebaut kurz nachdem sich das Deutsche Reich Straßburg und Metz im Deutsch-Französischen Krieg 1871 zurückgeholt hatte. Die Anzeige aus dem Eröffnungsjahr 1940 ist groß, die Automarke ungewöhnlich – Autos aus Frankreich, dem Land, das die Deutschen in genau jenem Frühjahr wieder besiegen.

„Citroen Spezial-Reparatur-Werkstatt Bruno Horstmann“ hat Telefonanschluss.

Wie es aussieht ist das Haus doch nicht aus der Bauhauszeit, sondern erst etwa 1938/39 für die Autowerkstatt gebaut worden. Drittes Reich-Moderne. Für technische Bauten war der Bauhaus-Stil auch unter Hitler erlaubt. Wie ein Artikel der Berliner Zeitung aus dem Jahr 1994 berichtet, hatte das Grundstück vorher lange dem „jüdischen Lumpenhändler [sic] Leo Last“ gehört. In den älteren Adressbüchern firmiert es nicht als eigene Adresse, sondern wird dem rückwärtigen Grundstück Linienstraße 51 zugeordnet, wo bis heute ein Mietshaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts steht. Leo Last soll, wie die Berliner Zeitung von 1994 schreibt, 1936 vor den Nazis nach England geflohen sein. Nach einer Zeit der NS-Zwangsverwaltung sei das Torstraßen-Grundstück an der Torstraße 1940 an den „Kaufmann Friedrich Adolf Mehlitz“ übergegangen (Kaufpreis 6.385 Reichsmark).

Was passierte nach 1945? Herr Horstmann blieb, und er blieb Citroen treu. Und das obwohl das kleine Haus jetzt in der Wilhelm-Pieck-Straße stand. 1956 stand im Ost-Berliner Branchenbuch die kleiner gewordene Anzeige:

Branchen-Fernsprechbuch Groß Berlin 1956 S 26

Wieder zehn Jahre später, 1966, war aus Citroen dann Škoda geworden, Autos aus dem sozialistischen Bruderland Tschechoslowakei. Und die Anzeige war weiter geschrumpft:

Branchen-Fernsprechbuch für die Hauptstadt der DDR 1966 S 13

Und im Ost-Berliner Branchenbuch von 1988 erfuhr man in ausgezehrter Typo, dass mittlerweile der Sohn übernommen hatte. Und dass nur bestimmte Modelle von Škoda repariert wurden:

Branchen-Fernsprechbuch für die Hauptstadt der DDR 1988 S 27

Der Niedergang der DDR im Allgemeinen und ihrer Autobranche im Besonderen unschwer abzulesen.

Nach 1990 meldeten sich laut Berliner Zeitung die Erben von Leo Last, die in Israel lebten, und der Erbe von Kaufmann Mehlitz aus West-Berlin. Beide erhoben Anspruch auf Eigentum und Mietzahlungen. Wie das wohl ausging?

Die Firma Horstmann hielt scheinbar noch bis weit in die 2000er-Jahre hier aus. Heute jedoch sitzen sie in Weißensee und das Rolltor wird jetzt wohl später am Tag hochgerollt als früher.

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Kein Bild von Mimmo Rotella

© Katrin + Hans Georg Hiller von Gaertringen

Wox-Holländer – Konstruktivismus im Warthebruch

Warthebruch bei Oksza

Der Warthebruch ist der hierzulande ziemlich unbekannte, kleinere Nachbar des mittlerweile mindestens in Berlin berühmten Oderbruchs. Beide sind weite, unter König Friedrich II. trockengelegte einstige Sumpfgebiete, in denen sich die Warthe und die Oder zu unzähligen kleinen Fließen verzweigt hatte und die nun von Bauern in harter Arbeit trockengelegt und besiedelt wurden. Das dritte große Meliorationsprojekt jener Zeit war der Netzebruch, der nordöstlich an den Warthebruch anschließt. Warthe- und Netzebruch liegen zwar gar nicht so weit weg von Berlin, aber dennoch seit 1945 in Polen, was ihre Unbekanntheit bei den traditionell sehr wenig auf Polen neugierigen Berlinern erklärt. Wer sich dennoch hierhin aufmacht, entdeckt eine wunderbare, vollkommen flache, in der Ferne von flachen Hügeln umschlossene Felderlandschaft mit einzelnen Hofstellen und winzigen Ansiedlungen, durchzogen von schnurgeraden Kanälen und Straßen und in der Mitte die schnell fließende, durchaus imposant breite Warthe, polnisch Warta.
Unmittelbar hinter Flussdeich und schmaler Straße steht inmitten des Warthebruchs eine Kirche, die so ungewöhnlich ist wie einst der Name des winzigen Ortes, in dem sie sich befindet: Wohl von seiner Gründung 1783 an trug das neumärkische Dörfchen den schönen Namen „Wox-Holländer“. Daraus wurde 1945 polnisch „Oksza“. Damit wurde wohl nur der erste Teil des Namens, Wox, ins Polnische Übertragen. Wer oder was aber war und ist „Wox / Oksza“? Es ist der Name des Baches, der hier in die Warthe mündet.

Kirche Wox-Holländer

Die Kirche ist ein offensichtlich mit knappen Mitteln errichteter Fachwerk-Backsteinbau auf einem Sockel aus Feldsteinen. Die einfache geometrische Holzbalkenkonstruktion verleiht ihr ein modernes, gleichsam konstruktivistisches Aussehen. Ungewöhnlich sind auch die kleinen Fenster und das flache Satteldach, die nicht recht zur Vorstellung einer Kirche passen. Errichtet wurde der Hauptbau 1862/63, also über hundert Jahre nach der Gründung des Ortes. Der an das Schiff angepasste, etwas niederigere Eingangsbau soll erst von 1934 stammen. Als nunmehr seit Jahrzehnten katholische Kirche ist sie offenbar in regelmäßiger Nutzung.

Kirche Wox-Holländer 02