Vergessene Museen (VIII): Das Kriminalmuseum Berlin (1890–1945)

 

Polizeipräsidium um 1900

Untergebracht im roten Backsteinbau des Polizeipräsidiums am Alexanderplatz in Berlin-Mitte, war die Sammlung der Berliner Kriminalpolizei zumindest in ihrer Anfangszeit trotz ihrer Benennung als Museum nicht öffentlich zugänglich. Gerade zu jener Zeit war es durchaus üblich, dass reine Lehrsammlungen sich dennoch Museum nannten. Als anschauliche Ausbildungsstätte für Juristen und Polizisten konzipiert, sammelte man in erster Linie Zeugnisse von Verbrechen. Gefälschte Handschriften Martin Luthers fanden sich hier ebenso wie verbotene erotische Bücher, teilweise höchst grauenerregende Tatortfotos ebenso wie ein Tapezierhammer, „mit dem ein 13 Jahre altes Mädchen in Neukölln Dutzende von Bodendiebstählen verübte. Sie ‚würgte’ mit ihm jedes Vorhängeschloß auf den Böden mit einer Geschicklichkeit ab, die einem Kunstschlosser Ehre gemacht hätte“ (Wulffen 1913). Hinzu kamen Blutproben in Ampullen, die den Farbunterschied zwischen vergiftetem und reinem Blut demonstrierten, Stoffproben verschiedenster Materialien mit Blutflecken und vieles andere Lehr- und Anschauungsmaterial der praktischen Ermittlungsarbeit. Die Zusammenstellung folgte dem Grundsatz des Begründers der wissenschaftlichen Kriminalistik, Hans Groß, „daß man Gegenstände, über die man spricht und urteilt, erst einmal gesehen haben muß“ (Groß 1896).

Niceforo 1909-394f

Später kamen zur Sammlung auch spektakuläre historische Objekte hinzu, die keinen Lerneffekt für die Ermittlungsarbeit hatten: So erwarb das Museum zum Beispiel 1925 Beil und Schafott des Scharfrichters Lorenz Schwietz, mit denen dieser mehr als 120 Straftäter ins Jenseits befördert hatte. Dass zumindest nach Anmeldung nun auch Nicht-Fachleute Zutritt hatten, zeigt das Beispiel Charlie Chaplins: Bei seinem Besuch in Berlin 1930 ließ er sich das Museum vorführen: „Photographien von Ermordeten, Selbstmördern und menschlichen Entartungen und Abnormitäten jeder erdenklichen Art. Ich war dankbar, als ich das Gebäude verlassen konnte.“ Die Sammlung ist mit dem Gebäude des Polizeipräsidiums 1945 untergegangen.

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

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