Wachtürme (I): Architekturen der Abgrenzung

In dieser Serie wird es um die bislang kaum erforschte Geschichte einer Baugattung gehen, die vor allem für das Zeitalter der Moderne, also für die Jahre von etwa 1900 bis 1970 (auch „Jahrhundert der Lager“ genannt) sehr typisch ist: Der Wachturm, wie wir ihn in Gefangenenlagern des Burenkriegs und des Ersten Weltkriegs finden, in den Konzentrationslagern der NS-Zeit, an der DDR-Grenze, in Guantanamo Bay und heute an der EU-Außengrenze. Bevor wir jedoch zum Wachturm der Moderne kommen, zunächst einige Posts zu den Jahrhunderte davor, zur Vor- und Frühgeschichte der Baugattung Wachturm.

Messene_01 Herbert Ortner Wien Wikimedia
Antiker Wachturm von Messene, Peloponnes, Griechenland, 4. Jhd. v. Chr. Foto: Herbert Ortner, Wien, 2005 (aus wikimedia commons)

Die ersten Wachtürme sind zugleich Wehrtürme. Sie sind nach außen, nicht nach innen gerichtet. Ihr Zweck ist der Schutz eines mühsam aufgebauten, zivilisierten Raumes gegen Angriffe und Plünderung von außen, gleichsam aus der „Wildnis“. Dadurch werden sie zur Landmarke und zum Symbol der zivilisierten Welt und zugleich zum Symbol von deren Begrenztheit. Diese Ursprungssymbolik muss man im Kopf behalten, wenn man Geschichte und Bedeutung des Wachturms im 20. Jahrhundert betrachten will.

Ein frühes, bis heute erhaltenes Beispiel ist der Wachturm in der Stadtmauer der griechischen Polis Messene aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Die Wehr- und Wachturm dient hier der Überwachung der Stadtmauer. Er beeindruckt durch seine Massivität und sein geradezu mustergültig ausgeführtes Mauerwerk.

Vermutlich war dieser Turm, der nur einer von mehreren in der langen Stadtmauer von Messene war, ursprünglich holzgedeckt. Er steht im wesentlichen außerhalb der Stadtmauer, sozusagen im Angreifergebiet. Dadurch kann man von ihm die Außenseiten der Stadtmauer überwachen und abschirmen. Diese Stellung betont den Unterschied zu den meisten Wachtürmen der Moderne, die der Überwachung eines Innenraumes (z.B. eines Lagers) dienen. Der Wachturm als Zeichen der Abwehr nach außen, als Architektur der Abgrenzung ist erst in unserer jüngsten Gegenwart wieder wichtig geworden.

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

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