Vergessene Museen (XII): Die Ravené’sche Gemälde-Gallerie in Berlin (1853–1918)

Knaus PL Ravené 1857 Schmidt 1979 S 45
Der 64-jährige Louis Ravené vor einem Gemälde in seiner Sammlung. Gemälde von Ludwig Knaus, 1857

Eisen war das Material des 19. Jahrhunderts: Wer den Baustoff für Maschinen, Eisenbahnschienen oder Brücken liefern konnte, war ein gemachter Mann. So wuchs der Reichtum der Berliner Eisenhändlerdynastie Ravené parallel zur Industrialisierung des Deutschen Reiches stetig an. Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte und erforderte gesellschaftliche Repräsentation. Die drei aufeinanderfolgenden Firmenchefs Louis, Jacob und August Ravené stellten diese auf ihre jeweils unterschiedliche Weise sicher.

Der Senior begründete 1844 die familieneigene Sammlung zeitgenössischer Malerei im bildungsbürgerlichen Geist. Die Hauptmeister waren damals hochgeschätzte Künstler, die heute weitgehend vergessen sind. Louis Ravenés Vorliebe für erzählerische und anekdotische Stoffe ließ ihn bevorzugt auf Historien- und Genremaler der Berliner und Düsseldorfer Schule wie Eduard Hildebrandt oder Johann Peter Hasenclever setzen. Eher zufällig fand dabei auch ein Hauptwerk Adolph Menzels – Friedrich der Große auf Reisen (1854) – seinen Platz in der Sammlung. Gleichsam als bescheidener Ersatz für die noch fehlende Nationalgalerie ließ Ravené sich 1853 von deren späterem Architekten Friedrich August Stüler öffentliche Ausstellungsräume in seinem neuen Geschäfts- und Wohnhaus an der Wallstraße einrichten – hochmodern mit Oberlichtsälen und, als Verweis auf das eigene Geschäftsfeld, mit eisernem Treppenhaus.

Im Verhalten des Sohnes Jacob, der 1861 die Firma übernahm, lässt sich eine gewisse „Distanz zur Art der Reichtumsverwertung“ (Stein 1982) seines Vaters erkennen: Die Zeiten, in denen man vor allem mit öffentlichen, humanistischen Aktivitäten gesellschaftlich repräsentierte, ging ihrem Ende entgegen. Nun strebte der „Geldadel“ der Unternehmer und Industriellen nach einem exklusiveren und neoaristokratischen Lebenswandel. Es ist bemerkenswert, dass Jacob Ravené das familieneigene Privatmuseum dennoch bestehen ließ. Damit unterschied er sich von vielen anderen Privatsammlern, die nach der Etablierung staatlicher Museen im Kaiserreich ihre vormals zugänglichen Sammlungen für die Öffentlichkeit schlossen oder an den Staat verkauften. Ravené wählte stattdessen die Lösung, 1864 selbst aus dem Gebäude an der Wallstraße auszuziehen und in eine neue prächtige Villa in Moabit überzusiedeln sowie ab 1868 die mittelalterliche Burgruine Cochem an der Mosel als neofeudalen „Stammsitz“ der Familie wieder aufzubauen, das Geschäft nebst Museum jedoch in der Wallstraße zu belassen.

Unter dem Enkel August schließlich nahm das Familienvermögen nochmals beträchtlich zu. Dies versetzte ihn in die Lage, 1889 ein neues, monumentales Geschäfts- und Sammlungshaus an der Wallstraße bauen zu lassen – entworfen von seinem Schwiegervater, dem Architekten des Völkerkundemuseums Hermann Ende.

Panorama von Berlin 1896, B 45 118b klein
Der Neubau der Firmenzentrale in der Wallstr. 5–8 wurde 1889 von Hermann Ende erbaut. Die Ravenésche Gemäldegallerie befand sich im obersten Stockwerk.

Wie im alten Haus gegenüber wurden die Museumsräume im Obergeschoss untergebracht, als subtiler Hinweis auf den nur halb-öffentlichen Charakter der Sammlung. Als Zeichen unternehmerischer Modernität war sie nun mit dem Aufzug zu erreichen. Als Sammler ist August ebenso wenig wie Jacob hervorgetreten. Der „namhafteste“ Neuzugang spricht Bände: Bei einer Wohltätigkeitsauktion erwarb er eine eigenhändige Tuschzeichnung Kaiser Wilhelms II., die eine Seeschlacht zeigte. August führte das neofeudale Lebensmodell seines Vaters weiter und aktualisierte es lediglich, indem er 1892 das Barockschloss Marquardt bei Potsdam kaufte. Dazu baute er erneut eine Familienvilla, nun am Wannsee. Auch unter ihm war das Privatmuseum – als langlebigstes Exempel seiner Art – bis etwa zum Ersten Weltkrieg öffentlich. Nach einem Grundstücksstreit mit der Stadt Berlin, der August die Sammlung kurz vor dem Ersten Weltkrieg zur Begründung einer städtischen Kunstsammlung noch hatte vermachen wollen, blieb sie schließlich doch im Familienbesitz. Das Gemälde Menzels wurde 1938 für 300.000 RM an Adolf Hitler verkauft, der es im Münchener „Führerbau“ aufhängte. Dort überstand es schwer beschädigt – als einziges Bild der Ravené’schen Gemälde-Gallerie – den Krieg. Alle anderen Werke gingen 1945 mit der Familie unter: Am Ende des Krieges kamen August Ravené und sein Sohn um, Gebäude und Sammlung wurden zerstört.

Aus unserem Buch „Eine Geschichte der Berliner Museen in 227 Häusern“, Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2014, 39,90 €

© Katrin und Hans Georg Hiller von Gaertringen

 

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